Vier Hochzeiten und ein Musical

Probenblog zur Produktion der Bayerischen Theaterakademie August Everding

Interview mit Christina Gößlbauer und Oliver Floris: Über zufälliges Wiedersehen und wohlerprobte Komödienkonstrukte

Oliver Floris und Christina Gößlbauer © Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Oliver Floris und Christina Gößlbauer
© Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Diese Woche konnten wir Christina und Oliver noch vor ihrer choreografischen Probe mit Danny Costello treffen. Bei einem zweiten Frühstück haben uns die beiden mehr über ihre Figuren Kitty, das Showgirl und Mr. Feldzieg, den Broadway-Impresario verraten. Zwischen Rührei und Müsli haben sie uns erklärt, warum Timing für „Vier Hochzeiten und ein Musical“ so wichtig ist und wieso Gene Kelly und Heidi die beiden gerade beschäftigen.


Mit dem Musical betreten wir die „Roaring Twenties“. Was verbindet ihr mit dieser Zeit?

Oliver: Der Stil der 1920er und 1930er Jahre hat mich zum Musical gebracht: Ich habe angefangen zu steppen, als ich 9 Jahre alt war, und habe die Musical-Welt kennengelernt durch Gene Kelly, Fred Astaire, Donald O’Connor und deren Filme. Deshalb habe ich zu dieser Zeit einen ganz besonderen Bezug. Die „Goldenen Zwanziger“ waren einmalig: Man denke an die Musik und Kultur in Berlin, an Friedrich Hollaender und Mischa Spoliansky – das war eine tolle Musik, die heute zum Beispiel Max Raabe wieder aufnimmt. This music is timeless.

Christina: Vom Stil her gefallen mir die 1920er Jahre sehr gut. Ich habe aber keinen so großen Bezug wie Oliver und habe mir zunächst einige Videos angeschaut, um zu sehen, wie man sich damals bewegt und geredet hat. Ich habe mir auch Vaudeville-Sketche angesehen, in denen alles sehr groß und übertrieben dargestellt wird. Diese Spielweise finde ich sehr spannend.

Christina, beim Fotoshooting letzte Woche hast du bereits dein Originalkostüm getragen. Möchtest du uns darüber ein wenig verraten?

Christina: Mein Kostüm ist wahnsinnig glamourös und schimmert und glitzert in allen Farben. Ich finde, es passt sehr gut zu meiner Figur. Kitty braucht immer Aufmerksamkeit und ihr pompöses Kostüm macht bereits Geräusche, wenn sie den Raum betritt.

Beschreibt doch mal kurz eure Figuren. Was verbindet Kitty und Mr. Feldzieg? Und worin liegt die Besonderheit oder Schwierigkeit eurer Rolle?

Oliver: Ich spiele den Chef von Janet, den Big Impresario, den Theaterproduzenten – abgeleitet von Florenz Ziegfeld. Feldzieg befindet sich in einer Ausnahmesituation: Sein Star ist kurz davor abzuspringen und aus diesem Grund steht er ständig unter Strom. Durch den Stress kommt seine cholerische Seite umso deutlicher zum Ausdruck. Er denkt sich ständig: „Ich bin umgeben von Idioten! Ich will meinen Star zurück! The Show must go on!“ Kitty hängt ihm dauernd an den Fersen und nervt ihn mit Sachen, für die er überhaupt keinen Kopf hat. Dadurch entsteht eine super Komik. Die beiden sind, wie der Mann im Sessel so schön sagt…

Oliver und Christina: „Ein wohlerprobtes Komödienkonstrukt.“

Oliver: Das ist es definitiv. Mir macht’s sehr viel Spaß.

Christina: Ja, mir auch. Wie Oliver schon gesagt hat: Kitty nervt grundsätzlich jeden durch ihr Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Sie eifert Janet nach, will auch mal im Rampenlicht stehen und der große Star sein, hat aber tatsächlich kein Talent und macht irgendwie nichts richtig – außer dass sie wunderschön aussieht und heiß ist. Sie macht ihr Ding, findet sich super und ist immer positiv gestimmt. Charakteristisch für sie sind ihr Gang, die vielen kleinen Schritte, ihre hohe Stimme und ihr hohler Blick… das dumme Blondchen zu spielen, das einfach hohl ist und in seiner eigenen Welt lebt, ist gar nicht so leicht.

Oliver: …ich muss mich oft richtig zusammenreißen, damit ich nicht loslache, wenn sie mich während der Proben mit diesem Blick ansieht. Bei Feldzieg ist es eine Gratwanderung: Er steht unter Spannung und Zeitdruck – er muss Janet überzeugen, in seiner Show zu bleiben, und die Gangster sitzen ihm im Nacken. Von der Körperlichkeit und Stimme her ist Feldzieg aber sehr breit angesetzt. Ich experimentiere viel herum mit seinen cholerischen Ausbrüchen. Komik ist in erster Linie Timing und Nuancen-Arbeit und ich finde es gut, dass uns der Regisseur da viel Raum zum Ausprobieren gibt. Es ist ‚Fitzelarbeit‘, aber es lohnt sich.

Timing ist in „Vier Hochzeiten und ein Musical“ also ausschlaggebend…

Christina: Ja, Timing ist eines der wichtigsten Dinge in diesem Stück. Es muss alles auf den Punkt stimmen, sonst geht die Komik verloren.

Oliver: Und ganz speziell ist in diesem Stück auch die Art und Weise, wie gespielt wird. Es braucht das völlig Übertriebene, Überspielte. Die Spielweise hat so gut wie nichts mit Naturalismus zu tun. Die Figuren sind so herrlich schräg. Und das macht wirklich großen Spaß.

Ist es das erste Mal oder seid ihr mit diesem überzeichneten Schauspielstil bereits vertraut?

Christina: Also so etwas habe ich tatsächlich noch nie gemacht. Ich habe vor zwei Jahren in „Dracula“ gespielt – das war sehr düster – und dann „Kifferwahn“ im Ensemble. Oliver und ich haben letztes Jahr zusammen in „Was ihr wollt“ gespielt, also einem Schauspiel. Da waren wir auch schon zusammen als Paar auf der Bühne.

Oliver: Genau, wir begegnen uns immer wieder, die ganze Zeit. Ich habe in „Crazy for you“ am Landestheater in Coburg gespielt. Der überzogene Stil ging schon sehr in die Richtung von „Vier Hochzeiten und ein Musical“ – das war auch diese klare Musical-Comedy.

Würdest du sagen, dass das genau „dein Stil“ ist, Oliver?

Oliver: Es ist definitiv mein Stil, auch wegen des Steppens. Alles, was in die Richtung Cole Porter, George Gershwin, Irving Berlin geht, dafür schlägt einfach mein Herz. Ich komme ja aus dem stepptänzerischen Bereich. Aber ich habe hier an der Akademie gelernt, dass es für mich auch in die andere Richtung geht – in die ernstere Kategorie des ‚Drama-Musicals‘.

Gibt es eigentlich das Musical, das ihr gerne einmal machen möchtet?

Christina: Ja, bei mir ist es „Next to normal“. Da würde ich wahnsinnig gerne – jetzt wo ich noch jung bin – die Tochter spielen, und wenn ich älter bin die Mutter. (lacht) Für mich ist es jetzt auch das erste Mal, dass ich so eine Rolle wie Kitty spiele und das Lustige bediene. Ich wusste gar nicht, dass ich das kann. (lacht) Ich dachte immer, „Drama, Drama – das ist dein Ding!“ und jetzt kann ich einfach mal so ein Dummchen spielen, was mir wahnsinnig Spaß macht.

Oliver: In Steppmusicals wie zum Beispiel „Singin’ in the rain“ oder „Anything goes“ würde ich unheimlich gerne einmal spielen. Aber auch „West Side Story“ steht definitiv auf meiner ‚Wunschliste’ – ich liebe die Musik und für mich zählt es zu einem der größten Musicals überhaupt. Wahrscheinlich habe ich zur „West Side Story“ so einen besonderen Bezug, da es eines der ersten Musicals war, die ich im Kindesalter gesehen habe.

Wie kam es zu eurer Entscheidung, an der Theaterakademie Musical zu studieren?

Christina: Ich bin immer gerne ins Theater gegangen und habe – ich glaube mit 10 Jahren – mein erstes Musical gesehen und zwar „Elisabeth“. Da habe ich mir gesagt: Das will ich unbedingt machen! Ich bin dann auf die Musik-Hauptschule gegangen und habe dort gesungen. Danach habe ich aufs Sportgymnasium gewechselt, eine Skilehrer-Ausbildung gemacht und wollte Ski-Rennläuferin werden. In dem Jahr, als ich Abitur gemacht habe, habe ich gemerkt, dass ich die Musik vermisse. Ich habe wieder Gesangsstunden genommen und Workshops gemacht. Man hat dann zu mir gesagt: „Christina, du kannst Musical machen – bereite dich vor, das passt zu dir“. So bin ich ein Jahr nach Wien, hab’ dort Privatunterricht genommen und bin dann zur Aufnahmeprüfung gegangen.

Oliver: Das ist so lustig – uns verfolgt irgendwie das Schicksal. Wir waren nämlich gemeinsam in Wien in der Endrunde und haben uns dort kennen gelernt. Dann wurde Christina in München angenommen und ich ein Jahr später. Wir kleben die ganze Zeit aneinander. (lacht)
Bei mir ist es eine längere Geschichte. Ich wollte eigentlich nicht explizit Musical machen, sondern der zweite Fred Astaire oder Gene Kelly werden… (alle lachen) Ich wollte immer was in Richtung Film/Fernsehen, Tanz, Bühne machen. Diese Vision hatte ich schon von klein auf. Ich habe vor meiner Ausbildung ja ein Engagement am Landestheater Coburg für „Crazy for you“ bekommen. Sie haben noch Stepptänzer gesucht und ich wurde engagiert. Dort habe ich Gerd Achilles und Thorsten Ritz kennen gelernt, die auch hier an der Theaterakademie studiert haben. So bin ich immer weiter in diese Branche eingetaucht und war total begeistert. Ich hatte Glück, dass ich gleich vor der Ausbildung in so einem professionellen Theaterbetrieb arbeiten konnte.

Christina, du bist im Abschlussjahrgang. Wie sehen deine Pläne nach „Vier Hochzeiten“ aus?

Christina: Ich habe im Mai meine „One-Man-Show“, danach bin ich in Augsburg bei „Blues Brothers“. Bei meiner „One-Man-Show“ habe ich mir das Thema „Heidi“ ausgesucht. Die Idee kam mir beim Wandern mit einer Freundin. Aber mehr verrate ich dazu noch nicht… (lächelt.)

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Information

Dieser Eintrag wurde am 15. Februar 2015 von veröffentlicht.
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