Vier Hochzeiten und ein Musical

Probenblog zur Produktion der Bayerischen Theaterakademie August Everding

Interview mit Sampaguita Mönck und Till Kleine-Möller: Über Diven und Möchtegern-Zwerge

Till Kleine-Möller und Sampaguita Mönck © Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Till Kleine-Möller und Sampaguita Mönck
© Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Wir nähern uns der Endprobenphase und bald geht es auf die „große Bühne“. Deshalb führten wir unser Gespräch mit Sampaguita und Till zwischen zwei choreographischen Einzelproben und erfuhren, dass beide seit längerem als das „Buffo-Paar“ unter den Musicalstudenten des 4. Jahrgangs gelten. Außerdem haben sie uns verraten, was sie mit ihren Rollen aus „Vier Hochzeiten und ein Musical“ gemeinsam haben und wie ihre intensive Probenarbeit mit dem musikalischen Leiter Tom Bitterlich verläuft.


Erzählt uns doch erstmal etwas über eure Figuren. Welche Figur spielt ihr in „Vier Hochzeiten und ein Musical“?

Sampaguita: Ich spiele „The Drowsy Chaperone“, also die beschwipste Anstandsdame. Sie ist immer betrunken und die Tante von Janet van de Graaff, die sich eigentlich um den Anstand und die Braut kümmern soll, was ihr aber völlig egal ist. Hauptsache, sie hat ihren Alkohol. Aber es ist immer auch ein Augenzwinkern mit dabei. Sie ist nicht böswillig, sie lebt einfach in ihrer Welt und fragt sich: „Was willst du von mir?“ Die Rolle ist teilweise so wie ich – total verplant, eben in ihrer eigenen Welt lebend, nach dem Motto „Oh, ich bin schon dran. Ach, ihr redet mit mir?“ Ich kann mich sehr mit ihr identifizieren und das ist manchmal gruselig. (lacht)

Till: Ich spiele Aldolpho. Es war am Anfang schwierig herauszufinden, was es überhaupt für eine Rolle ist. Klar war: Es handelt sich um eine „Rolle in der Rolle“, also dass der Schauspieler Roman Bartelli in diesem Stück die Rolle des Aldolpho spielt, ähnlich wie Beatrice Stockwell, die die Anstandsdame spielt. Bartelli und Stockwell sind zwei Möchtegern-Stars, die in dieser Produktion auftreten. Am Anfang habe ich mir vorgestellt, dass beide immer nach vorne an die Rampe rennen, um sich zu präsentieren. Alles, was sonst in der Handlung vorkommt, ist dabei nebensächlich. Roman Bartelli wird im Stück ja als Stummfilmstar beschrieben. Aus dieser Motivation heraus, dass im Stummfilm alle Gesten und Aktionen völlig übertrieben dargestellt wurden, ist auch Aldolpho als vergrößerte, erhöhte Figur angelegt. Er ist sehr „over the top“. Das hat nichts mit dem zu tun, was ich in diesen vier Jahren hier gelernt habe – es hat nichts mit psychologisch-naturalistischem Spiel zu tun, sondern ist grotesk, ausladend und völlig überzeichnet. Das macht unwahrscheinlich Spaß, gleichzeitig muss man sich aber einiges trauen, wie der Regisseur immer sagt: „Noch breiter, noch ausladender, mehr Energie!“

Aldolpho hat einen starken Akzent. Hattest du hierfür ein Vorbild?

Till: Ursprünglich hatte ich den Kater aus „Shrek“ oder Antonio Banderas als Vorbild. Wir haben aber dann bei den Proben überlegt, ob Aldolpho Spanier oder Italiener ist. Die Musik und das Kostüm sind eher spanisch angelegt, von der Sprache her haben wir uns dann aber auf den Italiener geeinigt. In der letzten Szene des Stückes kommt raus, dass Aldolpho kein großer, stolzer Italiener ist, sondern eher ein Möchtegern-Zwerg, der sich neben den anderen Figuren behaupten muss und will und ständig von der Temperatur her viel zu hoch einsteigt.

Sampaguita, was hat es mit deiner Doppelrolle auf sich? Hattest du eine Vorlage für deine Figur?

Sampaguita: Die Anstandsdame wird, wie gesagt, von der arrivierten Darstellerin Beatrice Stockwell gespielt. Sie ist sehr alt geworden und hat aus jedem Lied eine Hymne – „ihren Song“ – gemacht. Sie hat die Leute mitgerissen, motiviert und animiert… Ob sie wohl auch getrunken hat?

Till: Also, Roman Bartelli hat auf jeden Fall getrunken…

Sampaguita: Für die Rolle habe ich mich an dem Broadway-Stück orientiert, in dem die Anstandsdame von Beth Leavel gespielt wurde. Ich fand sie ziemlich gut. Außerdem habe ich mir von Stefan Huber Tipps geben lassen, wen ich mir ansehen soll. Zum Beispiel Stummfilmstars wie Gloria Swanson. Ich habe versucht, mir eine trockene Art anzueignen.

Habt ihr euch während der Proben eine Körperhaltung zugelegt, die eure Figur in besonderer Weise ausdrückt?

Sampaguita: Ja, bei mir ist es dieses „Hängende“ – hängende ausgestreckte Arme mit gebrochenen Handgelenken. Als Diva braucht sie ihren Platz, wenn sie den Raum betritt.

Till: Bei Aldolpho gibt es sehr harte und sehr weiche Momente. Davon lebt auch der Witz der Rolle: Anspannung und Abfallen. Ich habe das Gefühl, dass er nie etwas versteht. In jeder Szene wird er verwirrter. Eigentlich müsste er am Ende ziemlich mit den Nerven durch sein. Das macht aber auch Spaß, „schwer von Begriff“ zu spielen. Eben diese Art von Louis de Funès – schnelle Reaktion und langsames Begreifen. Das Prinzip der Komik, wenn man so will. Schnell-langsam-schnell, das hat er intus.
Durch Zusätze, wie den Stock, hat Aldolpho auch eine andere, heroische Haltung. Das Cape lässt ihn immer mit einem Arm spielen und gibt ihm eine scheinbar stolze Torrero-Haltung. Leider gelingt es ihm aber nie, wenn zum Beispiel der Stock beim Aufstützen runterfällt oder er sich mit seinem Cape selbst einwickelt. Er hemmt sich permanent – durch sein Kostüm und durch sich selbst. Ich glaube, das hat auch wieder mit Roman Bartelli zu tun, der es schon längst verpasst hat, zum richtigen Zeitpunkt von der Bühne zu gehen.

Ihr habt ja beide große Solo-Nummern. Könnt ihr uns ein wenig über eure Arbeit mit Tom Bitterlich (musikalischer Leiter) erzählen?

Till: Ich bin sehr froh über die intensiven musikalischen Proben im Vorfeld – das habe ich bei anderen Produktionen schon ganz anders erlebt. Tom hat mir sehr viel Mut bei meinem Song gemacht, denn Aldolpho hält die Musik immer wieder an und das Orchester muss dann neu einsetzen. Er hat mich in dem, was ich singe, bestätigt und mir dadurch viel Sicherheit gegeben. Auf den Proben muss ich dann nicht darüber nachdenken, ob ich das jetzt richtig mache, sondern kann mich auf andere Sachen konzentrieren.

Sampaguita: Mir hat Tom auch sehr geholfen, da er sehr perfektionistisch ist. Er ist hochmusikalisch, was ich sehr schätze und bisher nur selten so erlebt habe. Es kommt ein anderes Gefühl rüber, wenn er am Klavier spielt. Er malt richtig mit den Tönen und nimmt dich in diese Welt mit. Das hilft mir, denn ich singe meistens über das Hören. Wenn man mich darin unterstützt, dann blühe ich auf.

Till: Tom ist auch sehr motivierend, was die Ensemblestellen angeht. Er arbeitet sehr genau und korrigiert auf eine Art und Weise, die nicht belehrend oder pädagogisch ist, sondern einfühlsam und motivierend. Das macht sehr viel Spaß.

Sampaguita: Und er ist sehr geduldig. Man hat nie das Gefühl, dass er gelangweilt oder genervt ist, er ist immer bei der Sache, was uns Studenten auch motiviert. Es ist kein Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern eine kollegiale und professionelle Zusammenarbeit.

Wie sehen eure Zukunftspläne nach der Produktion aus?

Sampaguita: Bei mir ist alles schon ziemlich verplant. Ich werde Ende April meine „One Man Show“ machen, die auf dem Roman „Die Kleine Bijou“ basiert: Es geht um ein Mädchen, das glaubt, seine Mutter wieder zu sehen. Sie fragt sich, wie es wäre, wenn sie sie nach all den Jahren konfrontieren würde. Es ist ein ernsteres Thema – was man wahrscheinlich von mir nicht erwartet, weil mich immer alle als witzig und lustig beschreiben. Aber diesmal habe ich mir gedacht, ich will etwas anderes zeigen. Ich unterhalte die Leute immer, aber jetzt möchte ich die sensiblere, ernstere Seite von mir zeigen. Nach meiner „One Man Show“ habe ich ein Engagement an der Oper Leipzig, wo ich in der „West Side Story“ die Consuelo spiele. Mein Wunsch für später wäre, mal eine große Sängerin zu werden. Singen ist meine Stärke – singen und entertainen.

Till: Derzeit arbeite ich parallel an einer eigenen Inszenierung: „Psõmion Agamemnon“, die nach der Premiere von „Vier Hochzeiten“ in die Endprobenphase geht. Ich habe daher gerade eine Doppelbelastung: Nach den Proben von „Vier Hochzeiten“ geht es abends weiter zu den nächsten Proben. Am 1. April haben wir Premiere und danach geht es für mich mal zwei Tage auf die Couch. Anfang Mai kommt meine „One Man Show“ mit dem Titel „Das Leben – Ein Clown“ – und so viel kann ich versprechen: Es geht um einen Clown. In dieser Show kann ich alle Facetten zeigen, die ich hier gelernt habe – das war mein Wunsch. Parallel muss ich mich auf meine Aufnahmeprüfung für den Studiengang Regie vorbereiten. Ende Mai findet die erste Runde statt und wenn’s gut läuft, darf ich ab Oktober hier weiterstudieren im Master Regie, was mein großer Wunsch wäre und worauf ich die letzten zwei Jahre hingearbeitet habe.

Das Musical wird dich trotzdem begleiten?

Till: Auf jeden Fall. Deshalb möchte ich hier die Ausbildung beenden. Vielleicht gibt es irgendwann die Möglichkeit zu spielen und dann zu inszenieren. Ich möchte die Erfahrung, die ich im Studium oder als Musicaldarsteller in Produktionen des Staatstheaters am Gärtnerplatz gesammelt habe, anwenden. Was man als Darsteller können muss, auf der Bühne kann oder nicht kann – das möchte ich meinen Schauspielern vermitteln. Diese Erfahrung, die ich gemacht habe, kann ich in meine Arbeit einfließen lassen.
Wenn in einem Stück die Worte nicht mehr ausreichen, um einen Zustand zu schildern oder das auszudrücken, was man sagen will – dann beginnt die Musik und man fängt an, ein Lied zu singen. Aus dieser Motivation heraus wollte ich Musical machen. Musical heißt – es geht über die Sprache hinaus noch einen Schritt weiter. Wir leben unsere Emotion und ich glaube, Menschen haben über die Musik einen leichteren Zugang dazu. Deswegen bleibe ich dem Musical in irgendeiner Form treu.

Nachdem Till zu seiner choreographischen Solo-Probe musste, haben wir Sampaguita noch schnell eine persönliche Frage gestellt: Sampaguita, auf der Probe merkt man, dass Till und du eine besondere Verbindung habt und ihr euch bereits sehr gut kennt…

Sampaguita: Ja, Till und ich sind das Buffo-Paar. Seitdem wir angefangen haben zu studieren, waren wir immer die zwei Außergewöhnlichen. Jeder ist außergewöhnlich, aber ich glaube, wir zwei sind bereits von der Statur her anders als die anderen. Wenn wir zum Beispiel tanzen … da sind andere graziler als wir. Aber wir sind sehr lustig. Im ersten Jahr haben wir eine Eigenarbeit präsentiert und da waren unsere Rollen ganz klar – er war der Hausmeister und ich war die Putzfrau. Das war das erste Mal, dass wir zusammen gespielt haben und jetzt stehen wir am Ende des Studiums wieder zusammen als Paar auf der Bühne.

Werbeanzeigen

Information

Dieser Eintrag wurde am 28. Februar 2015 von veröffentlicht.
%d Bloggern gefällt das: