Vier Hochzeiten und ein Musical

Probenblog zur Produktion der Bayerischen Theaterakademie August Everding

Interview mit dem musikalischen Leiter Tom Bitterlich: Über Musik mit Ohrwurmcharakter

Tom Bitterlich © Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Tom Bitterlich
© Foto: Dramaturgie Vier Hochzeiten

Noch kurz vor der Premiere konnten wir den musikalischen Leiter Tom Bitterlich treffen. Er hat uns mehr über den musikalischen Stil der 1920er Jahre und die Zusammensetzung des „Drowsy Radio Orchestra“ verraten. Außerdem hat er uns erklärt, inwiefern die Musik authentisch aus dieser Zeit zu stammen scheint, obwohl sie im Jahr 2006 geschrieben wurde.


Was ist das Besondere an der Musik der 1920er-Jahre und wie hat sich daraus das amerikanische Musical entwickelt?

Tom: Die 1920er-Jahre waren die Zeit der großen Umbrüche, gerade was die Musik angeht. Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Menschen nach einer „peppigeren“ Musik gesehnt. Aus der Tradition der afroamerikanischen Musik heraus entwickelte sich der Jazz und gleichzeitig setzte sich der Blues in den Dance Halls immer mehr durch. Es war die Zeit der virtuosen Solo-Künstler und der Swing-Bands – mit Duke Ellington oder Louis Armstrong. Man tanzte Charleston und schnellen Foxtrott. Es war die Blütezeit des US-amerikanischen Musicals – das Musical in seiner heutigen Form, losgelöst von der europäischen Tradition. Denn bis zu den 1920er-Jahren war die Musik in den USA noch sehr europäisch orientiert. Aus dem Ursprung der Jazzmusik heraus hat sich also das amerikanische Musical entwickelt und ist dann nach Europa gekommen.

Welche Anlehnungen an diese musikalischen Formen finden sich in unserem Musical wieder?

Tom: Vier Hochzeiten und ein Musical bedient sich einer unglaublichen Fülle an Tänzen: Man findet Stepptänze, Softshoe-Einlagen, Foxtrott in allen möglichen Varianten, Charleston und Anleihen an den Tango. Das Stück spielt mit vielen musikalischen Zitaten und Anspielungen an unterschiedliche Musikstile. Es gibt einige Songs im Stile von George Gershwin oder Cole Porter. Auch Hymnen kommen vor, die ja eine große amerikanische Tradition haben.

Das Stück The Drowsy Chaperone ist nicht original aus den Zwanzigern. Hört man der Musik an, dass sie eigentlich in der heutigen Zeit geschrieben ist?

Tom: Das finde ich eben nicht. Und das ist auch das Geniale an diesem Stück und an den Songwritern. Die hatten wahrscheinlich selbst eine große Plattensammlung und haben sich davon inspirieren lassen und das sehr authentisch umgesetzt. Jeder, dem man erklärt, dass das Musical erst im Jahr 2006 entstanden ist, ist erstaunt. Höchstens in der Instrumentation merkt man, dass es sich um ein neueres Musical handelt – zum Beispiel durch das Keyboard, das ein paar elektronische Sounds mitbringt…aber wenn man das Keyboard nicht hört, könnte man meinen, es wäre eine kleine Big Band. Das macht auch den Charme der Musik aus – die Besetzung mit den drei Trompeten und dem Reed-Satz zum Beispiel. Das Stück ist insgesamt sehr geschickt komponiert. Man hat das Gefühl, jede Nummer schon mal irgendwo gehört zu haben, und hat sofort einen Zugang – egal ob es ein langsames Duett oder eine schnelle Tanznummer ist. Die Lieder haben Ohrwurmcharakter und machen gute Laune. Jede Nummer könnte für sich alleine stehen, beispielsweise Show off oder das Aldolpho-Lied. Es spricht ja auch dafür, dass speziell diese beiden Nummern bei Auditions immer wieder gesungen werden. Das sind einfach Qualitätsnummern.

The Drowsy Chaperone ist also stark von einer Nummerndramaturgie gekennzeichnet?

Tom: Ja, eine Nummerndramaturgie ist bereits insgesamt im Stück angelegt. Die Geschichte, die erzählt wird, ist mit viel Witz angereichert, aber an einer Hand abzuzählen. Dazwischen stehen einzelne Nummern, also Comedy-Nummern, Musiknummern und zum Teil auch Zirkusnummern… die Musik bei den Vaudeville-Auftritten von Tottendale und Underling ist zum Beispiel eine typische Zirkusmusik. Wir arbeiten auch mit Zirkuseffekten, zum Beispiel mit Trommelwirbel oder einer Lotusflöte, um die Slapsticks zu unterstreichen.

Was war dir bei der musikalischen Einstudierung mit den Studierenden besonders wichtig?

Tom: Ich habe darauf geachtet, dass wir nah an der historischen Stilistik der 1920er-Jahre bleiben und dass wir gesangstechnisch versuchen, kein Pop reinzubringen. Diese Art zu singen ist ein bisschen klassischer orientiert und uns heute nicht mehr so vertraut. In der Probenzeit mussten wir erst eine Vertrautheit mit diesem Stil und dieser Rhythmik aufbauen. Das haben wir versucht mit allen aus dem Ensemble auf seine oder ihre Art und Weise herauszuarbeiten. Und dann habe ich natürlich großen Wert auf die Textarbeit gelegt: Wir müssen den Text verständlich transportieren und in jedem Moment eine Stil- und Textsicherheit aufweisen.

Wie arbeitest du mit Studierenden?

Tom: Ich mach keine Unterschiede: Es ist egal, ob Studierende, Kinder, Erwachsene oder Profis vor mir stehen – ich behandle alle gleich. Ich stelle vorher einen Anspruch, den ich erreichen will und versuche das Bestmöglichste aus jedem herauszuholen. Da denke ich nicht in Kategorien. Vielleicht ist der einzige Unterschied, dass Studenten oder junge Menschen meistens noch flexibler und offener für Veränderungen sind – sie saugen noch viel mehr auf und wollen mehr an die Hand genommen werden. Auf der anderen Seite muss man öfter wiederholen, bis sich gewisse Dinge festsetzen und abrufbar werden. Ein wichtiger Ansatz meiner Arbeit ist, dass wir alle gemeinsam etwas erarbeiten. Als musikalischer Leiter diktiere ich nicht, was gemacht werden soll, sondern versuche jeden individuell zu unterstützen. Ich bin der, der zwischen den Stimmen und Instrumenten vermittelt, auf jeden einzelnen zugreift und alles bündelt.

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Dieser Eintrag wurde am 19. März 2015 von veröffentlicht.
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